22 Juni 1941

Beatrice Paetzold Brücke/Most-Stiftung, Dresden, Deutschland

16-19 Jahre

90 minutes

Allgemeine Information

Allgemeine Information zum Angriff auf die Sowjetunion durch deutsche Truppen am 22. Juni 1941

Einführung von Bianka Pietrow-Ennker

[...] Die Wucht des deutschen Blitzkrieges4 gegen die Sowjetunion, der im Morgengrauen des 22. Juni 1941 auf der gesamten Länge der sowjetischen Staatsgrenze mit den Hauptstoßrichtungen Leningrad, Moskau und Ukraine begann, traf die sowjetischen Streitkräfte in der Phase des Aufmarsches. Um die Grenztruppen in Alarmbereitschaft zu versetzen, war eine erste Direktive des Volkskommissariats4 für Verteidigung viel zu spät, erst am 22. Juni 1941 um 0.30 Uhr, an die Truppen der militärischen Grenzbezirke ergangen. Sie erreichte die meisten Einheiten nicht mehr rechtzeitig. Auch war der Inhalt der Direktive irritierend: Den Truppen wurde befohlen, sich nicht provozieren zu lassen und das Feuer auch dann nicht zu eröffnen, wenn der Feind sowjetisches Territorium beträte. Als der Angriff der deutschen Wehrmacht4 schon in voller Breite von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer lief, die sowjetischen Truppen zurückwichen und erste schwere Verluste verzeichneten, erfolgte nach sieben Stunden eine zweite Direktive. Sie verdeutlichte, dass die sowjetische politische und militärische Führung weiterhin von einer deutschen Provokation ausging und es nicht für möglich hielt, daß die große militärische Konfrontation zwischen Deutschland und der UdSSR begonnen hatte. Es wurde den Truppen befohlen, den Feind dort anzugreifen und zu vernichten, wo er die sowjetische Grenze verletzt hatte. Vom Kriegszustand und einer allgemeinen Mobilmachung war nicht die Rede. Als die Initiative dann längst in den Händen der Deutschen lag, erfolgte am Abend des 22. Juni 1941 die dritte Direktive, die gemäß der sowjetischen Militärstrategie offensive Gegenschläge an allen Fronten befahl, um den Feind auf seinem Territorium zu bekämpfen. Zu dieser Zeit hatte die Zentrale keine Vorstellungen mehr von den Vorgängen an der Front. Die deutsche Luftwaffe beherrschte bereits den Luftraum, die sowjetischen Truppen führten schwere Verteidigungsgefechte oder befanden sich sogar im Rückzug. Das deutsche Bombardement wurde in einer Tiefe von 400 Kilometern geführt. Es zersprengte sowjetische Verbände, vernichtete das Kommunikationswesen und erschwerte die Heranführung von Truppen an die Front bis zum Äußersten. Da die Truppenteile ihren Kampf zu unterschiedlicher Zeit aufnahmen, konnte keine durchgehende Verteidigungsfront errichtet werden. Das hatte zur Folge, dass deutsche Panzer und motorisierte Verbände die Widerstandsherde der sowjetischen Streitkräfte umgingen und sie zum Teil von den Flanken und vom Rücken her angriffen. Durch den negativen Verlauf der Grenzschlachten für die Rote Armee4 , die schweren Verluste an Menschen und Material sowie das Fehlen an Reserven bei Waffen und Munition gelang es den Deutschen, schon nach wenigen Tagen die strategische Initiative an sich zu reißen. Bis zum Dezember 1941, als der deutsche Vormarsch sich festgelaufen hatte, waren 4 Millionen sowjetischer Soldaten gefallen und 3,9 Millionen in Kriegsgefangenschaft geraten.

[...] Durch die Rede Stalins [Anm.: am 3. Juli 1941] erfuhren die Sowjetbürger erstmals in vollem Umfang, dass sich die Sowjetunion in existentieller Gefahr befand, dass es “um Leben und Tod” ging. Zugleich präsentierte sich Stalin als unumstrittener Führer, dessen Herrschaft trotz der deutschen Invasion nicht erschüttert worden war. [...] Neben dem Bekenntnis zu den Niederlagen der Roten Armee hatte die Rede drei zentrale Funktionen: die Politik des Regimes vor dem deutschen Angriff zu legitimieren, eine Erklärung für den erfolgreichen Vorstoß des Feindes auf sowjetisches Territorium zu geben und die Bevölkerung sowie das nicht feindliche Ausland für die Verteidigung der Sowjetunion zu mobilisieren.

Im Bemühen, den Verdacht auszuräumen, Partei und Regierung hätten Fehler begangen, rechtfertigte Stalin den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag5 . Es sei die sowjetische Friedensliebe gewesen, die die Regierung der UdSSR veranlasst habe, den von Deutschland vorgeschlagenen Vertag abzuschließen und ihn einzuhalten. [...] Ein weiterer Vorteil, so Stalin, sei ein Zeitgewinn von eineinhalb Jahren zur Aufrüstung der sowjetischen Streitkräfte gewesen. Dieses Argument widersprach jedoch der Tatsache, dass die Wehrmacht der Roten Armee schwerste Niederlagen zugefügt hatte.

Um diese zu erklären, griff Stalin bei der Beschreibung des deutschen Überfalls zu den Attributen “unerwartet” und “wortbrüchig”. Ersteres ist als subjektive Auffassung Stalins zu interpretieren, der bezweifelt hatte, dass Hitler sich vor einem Kriegsende mit Großbritannien gegen die Sowjetunion wenden würde. Das zweite Attribut bezog sich auf den Bruch des Nichtangriffsvertrages durch Deutschland, wobei ebenfalls implizit zum Ausdruck kam, dass Stalin der nationalsozialistischen Regierung vertraut hatte. Den Vorteil im Feld, den die deutsche Wehrmacht und ihre Verbündeten hatten, wurde von Stalin auf ihre Angriffsstrategie zurückgeführt sowie auf den Überraschungseffekt, den der deutsche Überfall hatte. Stalin behauptete, dass die Rote Armee nicht mobilisiert gewesen war und erst an die Grenze herangeführt werden musste. Die im Gang befindliche verdeckte Teilmobilisierung der sowjetischen Streitkräfte verschwieg er, weil sie seine These vom überraschenden Angriff des Feindes ins Wanken gebracht hätte.

Versuche zur Mobilisierung für den Abwehrkampf der Sowjetunion nahm Stalin auf unterschiedlichen Ebenen vor. [...]

Сталін распачаў спробы мабілізацыі на розных узроўнях для арганізацыі абарончай барацьбы СССР. [...]

763 Wörter
Quelle: Prof. Dr. B. Pietrow-Ennker: Einführung
https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0029_stj&object=context&st=&l=de
Zuletzt abgerufen: 16.08.2021

Begriffserklärung

1 In der Sprache der Militärs ist “Blitzkrieg” die Bezeichnung für einen möglichst kurzen, überraschenden, konzentrierten Einkreisungs- und Vernichtungsfeldzug. Im Zweiten Weltkrieg war das Blitzkriegskonzept, abgeleitet von den schnellen Erfolgen der deutschen Wehrmacht in Polen 1939 und vor allem in Frankreich 1940, insbesondere die Grundlage für den deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941.

2 In der Sowjetunion war das Volkskommissariat von 1922 bis 1946 das zentrale Organ der Staatsverwaltung für die verschiedenen Bereiche der staatlichen Aktivitäten und die einzelnen Wirtschaftszweige der Volkswirtschaft. Sie hatten de facto die Funktion von Ministerien.

3 Die Wehrmacht ist der Oberbegriff für die deutschen Streitkräfte im nationalsozialistischen Deutschland. Die Wehrmacht gliederte sich in das Heer, die Marine und die Luftwaffe.

4 Die Rote Armee war die Bezeichnung für die Armee und die Luftwaffe von Sowjet- russland (von 1917 bis 1922) und danach der Sowjetunion (ab 1922).

5 Der “Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken” (auch bekannt als Hitler-Stalin-Pakt oder Ribbentrop-Molotow-Pakt) wurde am 23. August 1939 von den Außenministern Ribbentrop für Deutschland und Molotow für die Sowjetunion im Beisein Stalins unterzeichnet - sehr zur Überraschung der Weltöffentlichkeit. Immerhin galten die beiden Diktatoren Hitler und Stalin als Erzfeinde. Hauptinhalt des Vertrages war eine Vereinbarung der beiden Mächte, auf jegliche Gewalt gegeneinander zu verzichten. In einem geheimen Zusatzprotokoll wurde auch die künftige Aufteilung der Interessensphären in Osteuropa vereinbart.

Tagebücher / Memoiren (Deutschland)

Günther Roos (*1924 in Brühl, Rheinland-Pfalz) – ein junger Mann in der NS-Zeit

[...] Günther Roos wuchs nicht nur in der Zeit des Nationalsozialismus auf – er lebte ihn. Er verehrte Adolf Hitler, kletterte auf der Rangleiter der Hitlerjugend bis zum Jungstammführer und kämpfte im Zweiten Weltkrieg als leidenschaftlicher Wehrmachtssoldat, der bis zum Untergang an den „Endsieg“ glaubte. Umso größer war für ihn der Schock nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945.

Erst Jahrzehnte später entdeckt Günther Roos seine Tagebücher aus jener Zeit wieder – und beginnt darüber zu sprechen: über seine Indoktrination durch Familie, Schule und Hitlerjugend, die Ausbildung seines ausgeprägten Machtwillens, von seinem fanatischen Glauben an den „Führer“ und über die lange Zeit seiner Orientierungslosigkeit in der Nachkriegszeit. [...]

Auszüge aus seinen Tagebüchern, Juni 1941 (mit seinen Kommentaren von 1989)

Samstag 21. Juni 1941

Habe mir morgens in der Schule freigefragt, und bin dann zur Beerdigung der Opfer des Fliegerangriffs gegangen. An der Karlshalle waren sie aufgebahrt. Es war eine riesige Beerdigung. Ganz Brühl war auf den Beinen. War dann mit der Schule schwimmen. Nachmittags hatte ich um 3 Uhr Antreten. Um 5 Uhr bin ich schwimmen gegangen. Habe abends einen Brief an Gustav geschrieben. Nachts war Fliegeralarm. Im Luftschutzkeller sagte uns Herr Welter er wüsste ganz sicher, dass die UdSSR nächste Woche dem Dreierpakt beitreten würde. Hoffentlich.*

* Kommentar Günther Roos 1989: “Es schwirrten damals die tollsten Gerüchte durch die Welt. Von einem erweiterten Bündnis mit Russland wurde gesprochen, von dem Durchmarschrecht für unsere Truppen nach Osten, von einem Besuch Molotows in Berlin. Als Beweis wurde angeführt, dass die Straße Unter den Linden schon mit roten Fahnen geschmückt sei.”

Sonntag 22. Juni 1941

Heute wurde ich von Mutter mit einer schrecklichen Nachricht geweckt, dass ich zuerst glaubte, es sei ein schlechter Witz oder ein Trick um mich aus dem Bett zu holen. Aber es stimmte wirklich! Krieg! Krieg mit Russland!!! Diese Nachricht kam so unerwartet und ist so schrecklich, dass mir zuerst der Atem wegblieb.* Jetzt am Abend kann ich es immer noch nicht fassen. Nie, nie hätte ich geglaubt, dass Russland gegen uns kämpfen würde. Sie können doch bloß mit uns gewinnen. „Aber der Hass des Bolschewismus gegen das Dritte Reich war größer als alle politische Einsicht”, so heißt es in dem Aufruf des Führers. Deutschland, du hast einen verdammt harten Kampf zu führen. Und Gustav ist mitten in der Scheiße drin. Mutter wird noch wahnsinnig wenn ihm etwas zustoßen sollte. Hoffentlich, hoffentlich passiert ihm nur ja nichts. Gott, beschütze meinen Bruder! Haben heute mit dem Jungvolk, der HJ und dem BDM eine Rheintour bis Honnef gemacht. Wenn man es so bedenkt, auch paradox. Wir versuchten uns zu amüsieren- ich konnte es nicht richtig, denn ich musste immer an Gustav denken- und im Osten schießen sie sich gegenseitig tot. In Honnef hatten wir drei Stunden dienstfrei. Habe mit Mammel und Schiffer zuerst gegessen und etwas getrunken. Waren dann rudern. Um 9 Uhr war ich wieder zu Hause. Mutter kam erst um halb elf Uhr von Köln zurück, wo sie bei ihren Kusinen war. Nachts war Fliegeralarm. [...]

* Kommentar Günther Roos 1989: “Der Beginn des Krieges gegen Russland war ein furchtbarer Schock für uns alle. Niemand hatte damit gerechnet. Russland war ein geheimnisvolles, unheimliches Land. Und nach all den hellen, glorreichen Siegen der Vergangenheit beschlich uns jetzt eine dumpfe Angst. Daran änderten auch die ersten Sondermeldungen nichts, die wir beim Mittagessen im Radio hörten, wie der Fall der Festung Brest- Litowsk.”

Samstag 28. Juni 1941

War morgens um 8 Uhr im Eisenwerk. Ich kann also am Montag anfangen. 32 Pfennige/ Std. Scheiße!!! Habe mir morgens noch alle Papiere zusammengeholt. Um halb vier bin ich mit Wolfgang losgefahren. Um halb fünf waren wir in Euskirchen. Sind zur Steinbachtalsperre abgebogen und haben hier etwas gebadet. Das Schwimmbad war zu. Konnten auch ohne dieses baden. Auf der Rückfahrt haben wir Limbach getroffen. War um 7 Uhr wieder zu Hause. Auf der Fahrt haben wir im Wald bei Weilerswist einen tüchtigen Granatsplitter gefunden. Im Wehrmachtsbericht heißt es, dass wir morgen erfahren, wo wir im Osten stehen. [...]

Sonntag 29. Juni 1941

Um 11 Uhr war ich in der Kirche. War dann bei Klugs. Habe hier Sondermeldungen gehört. Die sind ja schon tüchtig vorwärts gekommen. 2000 Panzer zerstört, 4100 Flugzeuge und 40.000 Gefangene. Die Zahlen steigen dauernd. Brest, wo Gustav ist, Dubno, Grodno, Kowno, Wilna, Dünaburg und Minsk sind in unserer Hand. Phantastische Erfolge!! Nachmittags habe ich gelesen. Bin schon früh ins Bett gegangen, da ich morgen anfange zu arbeiten. Bin mal gespannt, wo ich im Eisenwerk arbeiten muss. Nachts war Fliegeralarm. [...]

Quelle: Günther Roos, Tagebücher (1936-1948), Juni 1941,
https://www.jugend1918-1945.de/portal/archiv/album.aspx?root=9879&id=9879&redir=%2fportal%2fJugend%2fzeitzeuge.aspx%3fbereich%3darchiv%26root%3d27647%26id%3d27647
Zuletzt aufgerufen: 16.08.2021

Tagebücher / Memoiren (Belarus)

Erinnerungen von jüdischen Kindern aus Belarus zum Angriff der deutschen Truppen auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941

Jewgenij Matschis (*1932, Minsk)

Ich, Jewgenij Sawelewitsch Matschis, geboren 1932, Jude, ehemaliger Häftling im Minsker Ghetto, wurde von Herrn und Frau [...] Shashok gerettet. [...]

Ich lebte mit meinen Eltern [...] in Minsk, als der Krieg ausbrach. Vor dem Krieg hatte ich das zweite Jahr an der Mittelschule Nr. 4 abgeschlossen [...].

Der Kriegsbeginn überraschte mich, während ich im Pionierlager “Drosdy” war. Das Lager wurde geschlossen, und ich ging zu Fuß nach Minsk. Unser Haus war in den ersten Kriegstagen niedergebrannt worden. Ich ging zu meiner Großmutter mütterlicherseits, Lisa Wigdorowitsch, [...] und blieb bei ihr, denn mein Vater war in den Krieg gezogen und meine Mutter war mit meiner Schwester Olga nach Ufa [ca. 1800 km westlich des Uralgebirges] evakuiert worden.

Anfang August 1941 wurden meine Großmutter, mein Onkel und seine Familie und ich in das Ghetto umgesiedelt. [...]

Wladimir Rubeschin (* 5. Juni 1929, Gomel), von seinen Freundenn und Verwandten ‘Wolik’ genannt

[...] Wolik Rubeschin war 13 Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Der Leiter des Pionierlagers “Medweschino” in einem Dorf in der Nähe von Minsk, in das er von seinem Vater vor Kriegsbeginn geschickt worden war, sagte völlig hil los: “Ich habe kein Auto. Du musst dich selbst nach Minsk durchschlagen.”

Am 25. Juni 1941 kam Wolodja zuhause in der Stepjanskaja Straße an. Nachbarn erzählten ihm, dass seine Mutter und sein jüngerer Bruder Marik aus der Stadt geflohen waren. Sein Vater war in der Armee. An der Tür hing ein Zettel: “Wolik, mein Sohn. Heute Morgen war ich im Pionierlager, aber du warst nicht mehr da. Wir haben den ganzen Tag auf dich gewartet. Ich gehe mit Marik weg. Wir wissen selbst noch nicht wohin. Geh zu Tante Natascha. Sie ist eine gute Frau und wird dir helfen. Ich hoffe, dass der Krieg bald vorbei ist und wir uns wiedersehen. Ich küsse dich, Mama.”

Ungefähr einen Monat lang lebte er allein in seiner Wohnung. Eines Tages traf er auf dem Heimweg vom Komarowski-Markt, wo er Kleidung gegen Brot getauscht hatte, die Frau, die seine Mutter Tante Natascha genannt hatte und von der sie sagte, sie sei eine “gute Frau”. Sie verschaffte sich in Begleitung eines Polizisten Zugang zu seiner Wohnung. Wolodja kehrte nie mehr nach Hause zurück.

Im August (1941) landete er im Ghetto von Minsk wie Zehntausende andere Juden auch. Er ging von Haus zu Haus und suchte nach Freunden seiner Eltern und seiner Kameraden. [...]

Ura Kaplan (*1925, Novij Swertschen)

[...] Ich wurde in Novij Swertschen geboren, im Bezirk Stolbtsy, Region Minsk. Damals war es polnisches Gebiet.

[...] Ich ging in eine polnische Schule und in einen Cheder [“Raum” auf Hebräisch, Ausdruck für eine traditionelle, religiöse Schule]. Ich lernte die Tora und Jiddisch. Im Jahr 1935 wurde ich in eine jüdische Schule in Stolbtsy versetzt, wo ich in Hebräisch, Polnisch und Geografie unterrichtet wurde. Ich konnte diese Schule bis zum 17. September 1939 besuchen, dem Tag der Befreiung von Westbelarus durch die Rote Armee.

Nach der Befreiung von Westbelarus ging ich auf eine belarussische Schule.

Ich war 16 Jahre alt, als der Krieg begann. Am 27. Juni 1941 marschierten deutsche Truppen in meine Stadt ein. In den fünf Tagen zuvor hatten mein Vater und ich geplant, aus Belarus nach Russland zu fliehen. Es gab Gerüchte, dass die Deutschen die Männer töteten und die Frauen und Kinder verschonten. Doch als wir an der Brücke über die Memel ankamen (es gab eine in Nowij Swertschen), sagte mein Vater: “Urele, das können wir nicht tun! Mutter ist ganz allein mit den beiden Mädchen, ohne jede Hilfe! Was soll aus ihnen werden?” Und wir gingen zurück nach Hause. Vater arbeitete wieder im Sägewerk, und ich arbeitete in einer Bäckerei als Holzhacker. Das war unsere Situation bis zum 1. August 1941, dem Tag, an dem sie das Ghetto errichteten. Ein furchtbarer, trauriger Tag...

Pawel Rubintschik (*1928, Minsk)

Der Krieg überraschte mich, als ich in einem Pionierlager in der Nähe von Minsk war. Ich war 13 Jahre alt. [...]

An jenem 22. Juni war unser Tagesablauf nicht anders als sonst. Aber wir waren überrascht, dass alle Männer des Lagerpersonals fehlten. Außerdem kam die Mutter einer meiner Schulfreunde mitten in der Nacht, um ihn abzuholen. Eigentlich war das nicht so überraschend - sie erklärte, dass sein Vater für ihn einen Platz im Pionierlager Artek [ein ehemaliges Pionierlager der Sowjetunion auf der Halbinsel Krim] reserviert hatte.

Als wir am nächsten Tag Fußball spielten, flogen zwei Flugzeuge, die sich gegenseitig angriffen, über unsere Köpfe hinweg. Eines mit einem roten Stern, das andere mit einem unbekannten schwarzen Kreuz. Wir hielten den Angriff für eine militärische Übung. Selbst am 24. Juni, nachdem wir viele ungewöhnliche Flugzeuge am Himmel gesehen hatten und viele müde Menschen mit Koffern und Bündeln die Straße entlanggingen und sich Truppen chaotisch bewegten, verstanden wir immer noch nichts. Die Lagerleiterin erklärte uns alles. Sie rief uns alle in den Speisesaal und erzählte uns, dass der Krieg gegen Hitlerdeutschland gerade begonnen hatte. Aber unsere Armee würde siegen, sagte sie; unsere Truppen näherten sich bereits Warschau. Wir riefen alle unisono “Hurra!”.

Doch schon bald wurde unsere anfängliche Freude über den Sieg unserer Armee von der Sorge über die Dinge abgelöst, die die Menschen in unserem Alter beunruhigten. Ab und zu hörten wir das Dröhnen der Flugzeuge und den Einschlag von Granaten, und der seltsame rote Schein am Horizont verschwand nicht. Wir dachten, die Sonne würde nachts nicht mehr untergehen.

Aber als die Eltern ihre Kinder abholten, sagten sie uns, dass die rote Farbe nichts mit der Sonne zu tun hatte. Die deutschen Bomben hatten Minsk dem Erdboden gleichgemacht, und die Stadt brannte. Die Eltern selbst waren bereits auf der Flucht.

Die Eltern und ihre Kinder machten sich auf den Weg von Minsk nach Moskau. Niemand holte mich ab, ich hatte niemanden. Also ging ich mit der Familie meines Schulkameraden Petja Golomb. Die Straße war voll mit Menschen, die auf der Flucht waren. [...]

994 Wörter
Quelle: Wir erinnern uns! Unser Vermächtnis für die Welt: Erinnert euch!, verfasst von Überlebenden des Holocaust in Belarus, (Übersetzung aus dem Russischen), Minsk 2016.slation from Russian), Minsk 2016.

Tagebücher / Memoiren (Russland)

Erinnerungen an den Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941

Olga Wladimirowna Dosenko, geb. Doronina *1925, überlebte die Leningrader Blockade, Veteranin des Großen Vaterländischen Kriegs: Gefreite

22. Juni

Sonntag. Nach dem Frühstück spielten wir Ball. Wir machten einen Spaziergang. Während ich Ball spielte, sprach Ljuba mit Boris. Sie rief mich zu sich nach Hause, aber ich war nicht in der Stimmung, mit ihm zu sprechen. Aber dann sagten sie: “Lasst uns spazieren gehen”. Wir, also Vera und ich sind zu Ljuba gegangen. Vera ging zum Erholungsheim Treugolnik und ich blieb bei ihnen. Boris ließ mich auf die Bank sitzen. Jascha kam zu uns. Sie fingen an zu reden, fragten, wer wo arbeitet, ich sagte natürlich, dass ich nicht arbeite. Unser Gespräch wurde unterbrochen, weil wir uns zu einem Spaziergang aufmachten. Ljuba und ich gingen mit dem Fotografen voran, sangen vergnügt. Wir alle gingen zum Erholungsheim der Gewerkschaften und fotografierten uns vor Stalins Porträt. Jascha und Boris waren neben uns und wir waren dann irgendwie alle auf den Fotos. Es haben sich noch Jungs zu uns gesetzt, wir waren umgeben von Männern. Boris und Jascha sagten immer wieder: “Wir müssen etwas haben, woran wir uns erinnern können, weil wir doch heute abreisen”. Aber wir hatten genug. Am Ende sind sie doch mit uns gegangen. Als wir beinahe am “Mondstein” waren, begannen Ljuba und ich zu rennen, um als Erste auf ihn hinaufzuklettern. Ich rannte und kletterte, ein Junge half mir. Dann kletterten auch Ljuba, Boris, Jascha und auch die anderen noch hoch. Wir saßen alle in der ersten Reihe, neben mir auf der einen Seite Boris in seinem Lieblingsshirt, auf der anderen Jascha. Es war sehr lustig, als wir versuchten runterzukletterten. Dieser Stein ist sehr groß und ich bin runtergesprungen. Zuerst warf ich die Sandalen runter, dann sprang ich selbst. Ich setzte mich hin und zog sie wieder an. Ich sah, dass Boris auf mich wartete. Dann holten wir Ljuba und Jascha ein. Dann machten wir Fotos an der Eiche. Ljuba und ich kletterten wieder als Erste hoch. Dann kletterten Boris und Jascha über uns und machten eine kleine Pyramide. Wir lachten viel und hatten Spaß. Wir gingen auf die Lichtung zum Fluss. Dort machten wir auch noch Fotos. Der Akkordeonspieler spielte. Zuerst spielten wir mit Kolja, unserem Witzbold im Ferienlager. Ljuba ging dann in die Sonne, Jascha und Boris folgten ihr nach. Ljuba rief mich.

Ich spielte ein bisschen länger und ging dann zu ihnen. Ljuba hatte einen Badeanzug an, aber ich habe mich nicht ausgezogen. Wir saßen zu viert und unterhielten uns. Boris dachte, ich sei jüdisch. Sie erzählten Witze. Aber wir saßen nicht lange dort, weil wir zum Mittagessen gehen mussten. Wir gingen gut gelaunt zurück. Der Absatz meines Schuhs wurde abgerissen. Ich konnte kaum vernünftig gehen. Ich holte einen Stein aus dem Fluss. Boris erzählte viel. Er bot mir Kwas vom Kiosk an, aber ich lehnte ab. Dann sahen wir einige Mädchen. Sie haben uns so angeschaut, das war lustig. Am Tor gingen wir auseinander. Wir gingen nach Hause. Wir zogen uns um und wuschen uns. Wir gingen mit richtig guter Laune zum Mittagessen. Ja! Wie schnell sich die Dinge doch ändern. Plötzlich hörten wir: “Deutschland hat Kiew und andere Städte bombardiert. Das bedeutet Krieg. Um 4 Uhr morgens kamen sie über die Grenze.” Der Krieg hatte begonnen. Sofort wurden die Gesichter aller ernst. Wir gingen in den Speisesaal. Neben unserem Tisch saßen drei Männer und zwei Frauen. Plötzlich stand einer von ihnen auf, wurde blass und ging hinaus. Ich fragte eine der Frauen: “Wurde er einberufen?” Sie sagte zu mir: “Ja! Gleich beim ersten Mal.” Ich konnte es nicht ertragen und weinte und bedeckte mein Gesicht mit meinen Händen. Als ich wieder aufschaute, sah ich bei vielen Tränen in den Augen. Am Nachmittag munterte uns Boris auf. Jascha ging irgendwohin und Boris sagte: “Lasst uns ein Sonnenbad nehmen”. Und wir drei, also er, Ljuba und ich, gingen in die Sonne.

Wir gingen weit weg und redeten. Dann kamen wir zu der Lichtung, traten von der Straße ab und setzten uns. Wir zogen uns aus und begannen uns zu sonnen. Wir haben über viele Dinge gesprochen und erzählten uns Witze. Wir haben auch viel über den Krieg gesprochen. Boris sagte, er habe am Finnischen Krieg teilgenommen und sei verwundet worden. Er zeigte sein verletztes Bein. Er ist ein guter Kerl, ich mag ihn. Am Abend spielten wir Ball, Ljuba, Pawluschka und ich und noch einige andere, als Boris vorbeikam. Es sah so aus, als wollte er mir etwas sagen, er kam zu mir her und sah, dass ich ihm nichts antwortete und ging. Erst als er schon wegging, wurde mir klar, dass er mir etwas sagen wollte. Am Abend verließ er uns. Ich gab ihm meine Adresse. Er bat ein paar Fotos für ihn machen zu lassen, aber ich hatte kein Geld dabei. Ich habe mich nicht einmal verabschiedet. Jascha ist auch gegangen. Sascha war der einzige, der von diesen Jungs noch übrig war. Aber er verhielt sich uns gegenüber immer etwas seltsam. Boris sagte über ihn, dass er “ein Kind der Natur ist und sich vor Mädchen fürchtet”.

Tatjana Wassojewitsch, 1929 – 2012. Leningrader Schülerin, überlebte die Leningrader Blockade

22. Juni

Um 12 Uhr nachmittags wurde verkündet, dass der Krieg begonnen habe. Molotow hielt eine Rede im Radio. Mama hat geweint. Ich habe gelächelt. (...) Der ganze Tag war komisch: Mama, Wowa und ich gingen in einige Geschäfte, zur Sparkasse und zu Ljusa. (...)

23. Juni

Am Nachmittag ging ich in die Kunstschule zu Pjotr Pawlowitsch Kasakow. Ich nahm die Zeichnungen nicht mit und ging einfach so, um meine Eindrücke mitzuteilen. Pjotr Pawlowitsch war in seinem neuen Büro. Ich stand zögernd vor der Tür und kam herein. Pjotr Pawlowitsch grüßte und fragte: “Hast du deine Arbeiten nicht mitgebracht oder bist du nur zum Reden gekommen?” Ich sagte: “Also, ich sammle ein paar Arbeiten, ich denke, ich muss an die Front.” Wir redeten über den Krieg, die Orte, die die Deutschen bereits eingenommen hatten, wie viele Flugzeuge sie abgeschossen hatten. Pjotr Pawlowitsch sammelte die Arbeiten, die Staffelei und wir gingen hinaus. Draußen war es windig, aber warm. Wir gingen schweigend. Ich wollte fragen, was für ein Pilot er sei, aber ich traute mich nicht. Gemeinsam erreichten wir die Ecke der Mittleren Straße, Pjotr Pawlowitsch schüttelte mir die Hand, wir verabschiedeten uns und... ...er ging, und ich ging nach Hause. (...)

1256 Wörter

Originalquellen (Deutschland)

Auszüge aus dem Baruther Anzeiger, gegründet 1865, die älteste regionale Zeitung für die Stadt Baruth und für die Amtsbezirke Paplitz und Radeland, vom 23./24.Juni 1941

Aufruf des Führers an das deutsche Volk

Abrechnung mit Moskaus Verrat

Eine Front vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer – Das britisch-bolschewistische Komplott aufgedeckt – Wie die Sowjets uns in den Rücken fallen wollten – Kampf für die Sicherung Europa

DNB [Deutsches Nachrichtenbüro; nationale Presseagentur]. Berlin, 22. Juni. Der Führer hat folgenden Aufruf an das deutsche Volk erlassen:

Deutsches Volk! Nationalsozialisten!

Von schweren Sorgen bedrückt, zu monatelangem Schweigen verurteilt, ist nun die Stunde gekommen, in der ich endlich offen sprechen kann.

Als das Deutsche Reich am 3. September 1939 die englische Kriegserklärung erhielt, wiederholte sich aufs neue der britische Versuch, jeden Beginn der Konsolidierung und damit eines Aufstiegs Europas durch den Kampf gegen die jeweils stärkste Macht zu vereiteln. [...]

Diese neue Erhebung unseres Volkes aus Not, Elend und schmählicher Missachtung stand im Zeichen einer rein inneren Wiedergeburt. Besonders England wurde dadurch nicht berührt oder gar bedroht. Trotzdem setzte die neue hasserfüllte Einkreisungspolitik gegen Deutschland augenblicklich wieder ein. Innen und außen kam es zu jenem uns bekannten Komplott zwischen Juden und Demokraten, Bolschewisten und Reaktionären mit den einzigen Zielen, die Errichtung des neuen deutschen Volksstaates zu verhindern, das Reich erneut in Ohnmacht und Elend zu stürzen. [...]

Die Einkreisungspolitik gegen Deutschland

[...] Nationalsozialisten!

[...] Niemals hat das deutsche Volk gegen die Völkerschaften Russlands feindselige Gefühle gehegt. Allein seit über zwei Jahrzehnten hat sich die jüdisch-bolschewistische Machthaberschaft von Moskau aus bemüht, nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa in Brand zu setzen. Nicht Deutschland hat seine nationalsozialistische Weltanschauung jemals versucht, nach Russland zu tragen, sondern die jüdisch-bolschewistische Machthaber in Moskau haben es unentwegt unternommen, unserem und den anderen europäischen Völkern ihre Herrschaft aufzuoktroyieren, und dies nicht nur geistig, sondern vor allem auch militärisch-machtmäßig. [...]

Es war daher im August 1939 für mich eine schwere Überwindung, meinen Minister nach Moskau zu schicken, um dort zu versuchen, der britischen Einkreisungspolitik gegen Deutschland entgegenzuarbeiten. Ich tat es nur im Verantwortungsbewusstsein dem deutschen Volk gegenüber, vor allem aber in der Hoffnung, am Ende doch zu einer dauernden Entspannung zu kommen und die vielleicht von uns sonst geforderten Opfer vermindern zu können. [...]

Aus der Heimat
Baruth, den 23. Juni 1941

Der rote Verrat

Moskauer Maske gefallen. – Der Führer handelt.

Früh ertönten am gestrigen Sonntag schon die Lautsprecher in Baruth. Die Arbeit ruht jetzt in der Heimat auch an den Sonntagen nicht. Überall sind fleißige Hände tätig und mit ihrer Arbeit verstärken sie immer wieder aufs Neue das unzerreißbare Band, das Front und Heimat fest verbindet. Und wo ein Mann sich fertigmachte für den Gang oder die Fahrt zur Arbeitsstätte, da stellte er wohl auch seinen Rundfunkempfänger ein. Dann verbreitete sich mit Windeseile die Nachricht und so kam es, dass man allenthalben in Stadt und Land aus den Häusern die Stimmen unseres Reichsaußenministers und Reichspropagandaministers hörte. Überall über Straßen und Plätze erschollen sie und brachten Kunde von dem Entschluss des Führers, der wieder einmal vermöge genialer Voraussicht die Pläne der Feinde Deutschlands durchkreuzt hat. Gegen unsern alten Feind, gegen die Roten, richtet sich nun das deutsche Schwert. Es wird klar und deutlich auf das Moskauer Doppelspiel antworten, auf den Verrat, den man an dem deutschen Vertragspartner begangen hat.

Der Führer hat sich nicht eine einzige Minute über die Moskauer Gefahr täuschen lassen. [...] Das Ziel seiner Politik ist der Friede für Volk und Reich, ist friedliche Zusammenarbeit mit allen Völkern. Das hat er Polen gegenüber bewiesen wie den Völkern des europäischen Westens. Er hat für diesen Frieden gerungen auch gegenüber Sowjetrussland, einem politischen Gebilde, das Triebfeder und Brutherd fast aller innerpolitischen Unruhen in der ganzen Welt ist. [...]

Am 22. Juni 1941 hat der Führer, wie er in seinem Aufruf an das deutsche Volk sagt, „das Schicksal und die Zukunft des Deutschen Reiches und unseres Volkes wieder in die Hand unserer Soldaten gelegt“ Die Initiative liegt auch heute wieder in deutscher Hand. Wir wissen, dass das ganze deutsche Volk in unerschütterlichem Vertrauen und mit stolzem Dank an der Seite des Führers und seiner Soldaten steht. Für den Deutschen war zu aller Zeit der Verrat und die Untreue das schimpflichste Verbrechen. Das deutsche Volk hat noch immer, auch in schwerster Notzeit, zu seinem Wort und seinen Versprechungen gestanden. Um so einmütiger ist heute der Wille des deutschen Volkes, den roten Verrat Moskaus zu ahnden, wie er es verdient. Bolschewismus und Plutokratie haben ihre enge Zusammenarbeit dokumentiert. Die deutschen Waffen werden sie deshalb und gemeinsam treffen, wie es Verrätern gebührt.

755 Wörter

Quelle: https://bit.ly/3rBIeri, zuletzt abgerufen: 05/12/2021

Originalquellen (Russland)

Ausschnitt der Rundfunkrede von W. Molotow im Russischen Radio am 22. Juni 1941

Heute Nacht um 04.00 Uhr haben deutsche Truppen unser Land überfallen ohne jede Vorwarnung und ohne eine Kriegserklärung an die Sowjetunion. Ihre Flugzeuge griffen Städte entlang der Grenze an: Schitomir, Kiew, Sewastopol, Kaunas und andere Städte. Über zweihundert Personen wurden getötet oder verwundet. Von rumänischem und finnischem Territorium aus gab es auch feindliche Luftangriffe und Artilleriebeschuss gegen uns.

Dieser unerhörte und perfide Angriff auf unser Land ist beispiellos in der Geschichte der zivilisierten Völker. Der Angriff auf unser Land wurde verübt trotz der Tatsache, dass es einen Nichtangriffsvertrag zwischen der UdSSR und Deutschland gegeben hat, der von der Sowjetregierung unterzeichnet und von ihr treu eingehalten wurde. Der Angriff auf unser Land wurde ausgeführt trotz der Tatsache, dass während der gesamten Laufzeit dieses Vertrages seitens der deutschen Regierung nicht ein einziger Grund für irgendeine Beschwerde gegenüber der UdSSR vorgetragen wurde, die auf eine Verletzung dieses Vertrage hingedeutet hätte. Die volle Verantwortung für diesen räuberischen Angriff auf die Sowjetunion fällt voll und ganz auf die deutsch-faschistischen Herrscher.

Um 5:30 Uhr - also bereits nach dem Angriff - übermittelte von der Schulenburg, der deutsche Botschafter in Moskau, im Namen seiner Regierung an mich als Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten eine Erklärung, in der mitgeteilt wurde, dass die deutsche Regierung beschlossen habe, gegen die Sowjetunion Krieg zu führen aufgrund deren Konzentration von Einheiten der Roten Armee in der Nähe der ostdeutschen Grenze.

Im Namen der Sowjetregierung gab ich zur Antwort, dass die deutsche Regierung bis zum letzten Augenblick der Sowjetregierung keinerlei Gründe für Deutschlands Angriff auf die Sowjetunion genannt hat. Die Sowjetunion hatte stets eine friedfertige Haltung eingenommen, weswegen das faschistische Deutschland der Aggressor ist.

Auf Anweisung der Regierung der Sowjetunion gab ich auch eine Erklärung ab, dass unsere Truppen und unsere Luftwaffe nirgends die Grenze verletzt hätten, ganz im Gegensatz zu einer Meldung des rumänischen Rundfunks an diesem Morgen, wonach sowjetische Flugzeuge angeblich rumänische Flugplätze beschossen haben sollen. Das is eine reine Lüge und eine Provokation. Ebenso ist die Erklärung, die Hitler heute abgegeben hat, eine Wiederholung derselben Lüge und Provokation. Hitler versucht im Nachhinein der Sowjetunion eine angebliche Verletzung des deutsch-sowjetischen Friedensvertrages anzudichten.

Nun, da der Angriff auf die Sowjetunion bereits vollzogen ist, hat die Sowjetregierung unseren Truppen befohlen, den räuberischen Angriff zurückzuschlagen und die deutschen Truppen vom Territorium unseres Landes zu vertreiben. Dieser Krieg wurde uns nicht vom deutschen Volk, nicht von den deutschen Arbeitern, Bauern und Intellektuellen aufgezwungen, deren Leid wir gut nachvollziehen können, sondern von einer Clique blutrünstiger faschistischer Herrscher, die bereits die Franzosen, Tschechen, Polen, Serben, Norweger, Belgier, Dänen, Holländer, Griechen und andere Völker versklavt haben. [...]

Die Regierung fordert euch, alle Bürger der Sowjetunion, auf, euch noch enger um unsere glorreiche bolschewistische Partei, um unsere Sowjetregierung, um unseren großen Führer, Genosse Stalin, zu scharen.

Die gerechte Sache ist auf unserer Seite. Der Feind wird besiegt werden. Der Sieg wird unser sein.

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Quelle: https://bit.ly/3psgmDs, zuletzt abgerufen: 05/12/202

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